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Pressemitteilung 17/01
Keine Festtagsstimmung im Handwerk
Für die
über 70.000 niedersächsischen Handwerksbetriebe sei das Jahr 2001
kein leichtes Jahr gewesen. Die Krise am Bau, der anhaltende
Konzentrationsprozess im Kfz-Gewerbe, die zurückhaltende
Verbrauchernachfrage und die insgesamt boomende Schwarzarbeit hätten
ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftslage vieler Handwerksbetriebe gehabt, so
Kurt Rehkopf, Präsident des Niedersächsischen Handwerkstages
(NHT) im Rahmen seiner Bilanz für das Jahr 2001. Die Umsatzzahlen
seien im Vergleich zum Vorjahr in den ersten drei Quartalen um insgesamt 4,8 %
weiter spürbar rückläufig gewesen. Das
Weihnachtsgeschäft habe die Bilanz nur noch in einigen wenigen
Handwerksbetrieben aufhellen können. Richtige Festtagsstimmung könne
man zum Jahreswechsel nicht verbreiten. Insgesamt werde im arbeitsintensiven
Wirtschaftsbereich Handwerk, in dem zu Beginn des Jahres ca. 520.000 Menschen
beschäftigt gewesen seien, bis Jahresende mit einem Stellenabbau um ca.
16.000 gerechnet. Der Anschlag in New York, der die Stimmungslage zwar
zusätzlich stark gedämpft habe, habe die Entwicklung im Handwerk aber
nicht unmittelbar bestimmt. Vielmehr zeigten sich zunehmend strukturelle
Probleme und viel Handlungsbedarf:
Keine neuen Steuern und
Steuererhöhungen!
Bei aller Kritik müsse man anerkennen,
dass endlich mit der Unternehmenssteuerreform 2001/2003/2005 - trotz der
Schieflage zuungunsten der Personenunternehmen - endlich ein Vorwärtsgang
eingeschaltet worden sei. Allerdings wäre gerade für die
Personenunternehmen über das Vorziehen der nächsten Steuerstufen
deutlich mehr Dynamik erforderlich gewesen. Statt aber mehr Dynamik zu
entfalten, streue man bereits wieder zusätzlichen Sand in das
Wirtschaftsgetriebe. So werde zum 1.1.2002 die nächste Stufe
der Ökosteuer Steuermehrbelastungen von insgesamt 7,2 Mrd. DM mit
sich bringen. Gerade die kleinsten Handwerksbetriebe seien aus
verwaltungstechnischen Gründen unabhängig von ihrer
Energieintensität von den Steuervergünstigungen im Rahmen der
Ökosteuer ausgenommen. Davon spreche keiner. Die Ökosteuer
hätte vollständig ausgesetzt werden müssen, nicht nur wegen
ihrer Konstruktionsfehler, sondern allein aufgrund der auch im Vergleich zu den
anderen europäischen Ländern schwierigen Wirtschaftslage in
Deutschland. Das habe man ursprünglich bei Einführung der
Ökosteuer auch zugesagt, jetzt aber wohl schon wieder vergessen. Statt
einer Rückführung von Steuern werde zudem die Tabaksteuer mit
1,2 Mrd. DM und die Versicherungssteuer mit 0,5 Mrd. DM auf seiten der
Steuermehrbelastungen ab 1.01.2002 zu Buche schlagen. Steuererhöhungen in
der gegenwärtigen Situation seien kontraproduktiv, so Rehkopf.
Keine zusätzliche Belastungen der
Beschäftigung!
Mit der Rücknahme der Änderung des
Lohnfortzahlungsgesetzes, der Rücknahme der Reform im
Kündigungsschutzgesetz und der Reform des
Betriebsverfassungsgesetzes habe die Bundesregierung gerade den
arbeitsintensiven Betrieben und auch ihren Beschäftigten keinen Dienst
erwiesen. Scheinbar zusätzlicher Schutz auf Kosten bestehender oder
auch zusätzlicher Arbeitsplätze sei ein hoher Preis, so der NHT.
Mit Blick auf die besorgniserregenden Entwicklungen im
Sozialversicherungssystem gebe es über die Einführung einer
kapitalgedeckten Altersvorsorge im Zuge der Rentenreform nun allerdings -
bei aller Kritik an dem komplizierten Regelwerk - einen ersten Schritt in
die richtige Richtung. Doch diese Rentenreform werde bei weitem nicht
ausreichen, um den Rentenversicherungsbeitrag auf einem erträglichem
Niveau zu halten. Das sei bereits jetzt absehbar und führe zu einer
erheblichen Verunsicherung in der Bevölkerung. Auch im Gesundheitswesen
müsse sich endlich etwas tun. Die Ankündigung steigender
Krankenkassenbeiträge auf 14 %, teilweise sogar über 15 % habe
verherrende Wirkung auf die Stimmungslage in den Betrieben sowohl bei den
Arbeitgebern als auch bei den Arbeitnehmern. Mit der Vielzahl an kleineren
Teilgesetzen und kosmetischen Reparaturen könne man sich an einer
durchgreifenden Reform nicht vorbeimogeln. Das habe die Vorgängerregierung
bereits viel zu lange gemacht und die amtierende Regierung betreibe dieses
gefährliche Spiel unbeirrt weiter. Das deutsche Sozialversicherungssystem
stehe aufgrund der ständigen Fehlkalkulationen vor seiner
größten Vertrauenskrise, so die Einschätzung des NHT.
Die Beitragsentwicklung sei zudem - und das müsse allen bewusst
sein - mitverantwortlich dafür, dass legale Arbeit und Beschäftigung
gerade in den arbeitsintensiven Handwerksunternehmen gefährdet und
zunehmend in Konkurrenz zur Schwarzarbeit gebracht werde.
Bildungsstandards verbessern!
Die PISA-Studie habe nur
zu deutlich gemacht, dass Bildung ein nicht zu vernachlässigender Faktor
sein dürfe. Vieles müsse gegenwärtig im Rahmen der Ausbildung in
den Betrieben ausgeglichen werden. Fast jeder vierte niedersächsische
Handwerksbetrieb habe in einer Umfrage der Handwerkskammern in
Niedersachsen angegeben, dass die ungenügende Qualifikation der
Auszubildenden einer Besetzung von Lehrstellen entgegenstünde.
Trotz der schwierigen Wirtschaftslage benötigen gemäß dieser in
der zweiten Jahreshälfte durchgeführten Umfrage ca. 15 % der
Betriebe Facharbeiter und nur knapp 4 % der Betriebe Un- und Angelernte.
Hier zeige sich sehr deutlich, wer Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe.
Die Bundesregierung habe sich auf dem Gipfel in Nizza erfolgreich
innerhalb der EU für das Meisterprinzip eingesetzt und über
die Meister-Bafög-Reform endlich die überfällige Verbesserung
der Fortbildungsförderung realisiert. Dieses sei sehr positiv
zu werten. Das Handwerk repräsentiere den
ausbildungsintensivsten Wirtschaftsbereich. Zumindest in diesem Bereich
solle man sich lieber erst gar nicht auf Irrewege begeben.
Öffnung Osteuropas frühzeitig als Chance begreifen!
Schließlich werde zunehmend die Öffnung Osteuropas zu
einem Thema in der Handwerkswirtschaft. Es herrschten erhebliche Ängste in
den Betrieben um Aufträge und Arbeitsplätze. Nur unter annähernd
gleichen Bedingungen könne es einen fairen Wettbewerb geben. Die
Bundesregierung habe gut daran getan, sich für Anpassungs- und
Übergangsfristen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit und
Dienstleistungsfreiheit einzusetzen. Nun müsse diese Zeit genutzt
werden, gerade den kleinbetrieblichen Sektor, speziell das Handwerk auf die
Öffnung Osteuropas vorzubereiten, Ängste abzubauen und Chancen
deutlich werden zu lassen. Die niedersächsische Landesregierung
habe ihre Unterstützung bei dem Aufbau einer Osteuropa-Agentur
zur Betreuung von Handwerksunternehmen beim Auf- und Ausbau von
Kontakten in die osteuropäischen Staaten zugesagt. Dieses
begrüße der NHT ausdrücklich.
Für das Jahr 2002
könne das niedersächsische Handwerk bisher noch keine Entwarnung
geben. Noch zeichne sich keine Trendwende ab. Gerade in diesen Zeiten sei eine
starke Interessenvertretung unabdingbar, welche sich als Sprachrohr für
den Mittelstand und für mittelstandsgerechte Rahmenbedingungen einsetze.
Es bleibe zu hoffen, dass gerade vor dem Hintergrund der schwierigen Gesamtlage
das Gehör der Politik für die Belange des Handwerks und des
Mittelstandes als wichtigster Arbeitgeber geschärft sei.
Hannover, 21.12.2001